Wenn Fotografen zum hirnlosen Kamerastativ gemacht werden.

Kennst du das, wenn andere Leute dir ständig deine berufliche Kompetenz absprechen? Am besten einfach nur, weil sie halt “ne andere Meinung” als du haben? Oder halt grad mal ihre persönlichen Aggressionen und ihre Wut rauslassen müssen, weil es an Selbstkontrolle fehlt?

Wenn Fotografen zum hirnlosen Kamerastativ in Menschenform gemacht werden. Eine Kritik.

“Weil mir die Fotos nicht gefallen, ist die Fotografin inkompetent!”

Gerade im Niedrigpreis-Segment gibt es viele Kunden, deren Logik recht simpel ist. Niedrigpreis bedeutet hier konkret Massenabfertigung und Fließbandarbeit für den Fotografen. Und das ist auch bereits das interne Firmenkonzept: Wir fotografieren eine große Masse an Kunden (welche auch immer es sein mögen!), liefern technisch einwandfreie Fotos mit so wenig Service- und Zeitaufwand wie möglich und halten dadurch unsere Preise unter Marktwert, also billig. Der Fotograf ist ein hirnloser Zulieferer, der halt den Auslöser bedienen muss und konkrete fotografische Anweisungen und Zeitfenster beachten MUSS, weil das halt so vorgeschrieben ist. Auf deutsch: JEDER kann an die Stelle des Fotografen gesetzt werden, eine Ausbildung ist dabei eher irrelevant.

Das trifft dann auf Kunden mit dieser freundlichen und ich-zentrierten Alltagslogik. Diese denken sich, dass selbstverständlich standardisierte Produkte extra für sie individualisiert werden…  Diese stellen dann beim Blick auf das Endresultat fest, dass sie nicht bekommen haben, was sie wollten. Denn das was sie tatsächlich wollen (und nicht aussprechen) sind billige Fotos bei überdurchschnittlicher Qualität und ausführlichem (aka individuellem!) Service bzw. ausreichend viel Zeit. “Natürlich” sollen die Fotos sein und bitteschön ungestellt. Und es ist natürlich total normal, dass ein Fotograf innerhalb von 3-5 Minuten pro Kunde locker flockig eine Fotoserie erstellt, die dich freudig WOW!!! schreien lässt, weil sie genau DIESE Bedürfnisse erfüllt. Und zwar bei jedem einzelnen Bild. 

Und dann kommt die große Wut in den Kunden hoch. Dann ist es meistens die Fotografin (oder die Verkäuferin, die die Fotos dabei hat) die angegangen wird. Da hat man dann allerlei persönlicher Pöbeleien die weit unter der Gürtellinie treffen am Hals und “on Top” bist du inkompetent. Und weil man Wut nicht mit Wut bekämpfen sollte, wehren sich die meisten Fotografen auch gar nicht dagegen (und oft sind sie auch nicht mehr da. Das heißt es bekommt halt jemand anderes ab.). Stattdessen fallen viele in eine Art Opferhaltung, lassen sich ihre Würde nehmen und lassen den wütenden Regen halt über sich ergehen. Was bleibt dir auch anderes übrig? Gute Argumente zählen nicht, Erklärungen interessieren nicht, harte Fakten sind irrelevant.

“Fotografen sind oft total fancy unterwegs, deswegen musst du ihnen ganz genau sagen, was sie tun müssen!” 

Ja, und wenn man dem Video der Pinatas glauben mag und ein bisschen naiv mit dem Inhalt umgeht, sind diese seltsamen “Fotografen” auch in allen Bereichen und Branchen derart inkompetent, dass man ihnen auch ganz in echt vorschreiben muss, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Weil sie ja wirklich nicht denken können. Weil sie FAST ALLE total-wirklich hirnlose Maschinen sind, die nicht viel mehr können, als den Auslöser zu drücken. Deswegen muss man den ganzen Rest auch so detailliert wie möglich erklären! Unfassbar, dass gleich ein ganzer Berufszweig unter „Inkompetenzitäätäätääräät“ leidet. Jawohl!

Das ist schon so!

Oder doch nicht?

Natalie, sag was dazu!

Neeee, ich will gar nichts dazu sagen.

Ich will nur kurz was fragen:

  • Bist du ausgebildete Fotografin?
  • Kennst du die Lehrinhalte von fotografischen Ausbildungen?
  • Hast du in einem gleichwertigen Job wie dein Gegenüber gearbeitet und kannst die Situation realistisch beurteilen?
  • Kennst du den qualitativen Unterschied in der Fotografie zwischen Konzernen und Solo-Selbstständigen?
  • Kennst du auch den Unterschied zwischen B2B und B2C?
  • Kannst du Foto-Konzeptionen schreiben? 
  • Hast du das Fachwissen um auch die konkrete Umsetzung zu realisieren? Hast du also Ahnung von Perspektive, Blende, Belichtungszeit, Lichtsetzung, Farbtemperatur, Bildgestaltung, Bildkomposition, Farben, …?
  • Weißt du wie man Menschen (unabhängig von ihrem Alter) in die gewünschte Gefühlslage bringt?

Nicht die Fotografin ist inkompetent, sondern DU!

Mal ehrlich: Wie viele der oben gestellten Fragen kannst du mit einem inbrünstigen “JA!” beantworten? 

Mehr als die Hälfte? Herzlichen Glückwunsch! Warum hast du dann meinen Beitrag gelesen? 😉 Das ist absolut unnötig gewesen! 🙂 Schreib bitte ein Fotokonzept und such dir eine Fotografin oder einen Fotografen der es umsetzt! 😉

Weniger als die Hälfte? Ups! 😉 Es wäre gut, wenn du dir jemanden suchst, der eine Ausbildung genossen hat und dich in deinem Fotoprojekt unterstützen kann.

Jetzt mal im Ernst

Es gibt in den meisten Fällen keinen Grund wütend zu werden oder einem Fotografen (oder der Person, die es halt grad statt des Fotografen trifft!) seine Kompetenz abzusprechen. Diejenigen die eine Ausbildung erhalten haben (egal ob eine handwerkliche, eine vollschulische oder ein Studium), besitzen allesamt Kompetenzen in Sachen Fotografie und wissen, was sie tun. Diese Kompetenzen sind in manchen Fällen beschränkt durch das Geschäftsmodell des Konzerns für den sie arbeiten. Da kann die Fotografin aber nichts daran ändern. Und du übrigens auch nicht. Geschäftsmodell ist eben Geschäftsmodell. Punkt!

Wenn du selbstständig bist und Fotos für deine Webseite brauchst, dann finde ich den von den Pinatas vorgeschlagenen Weg einfach falsch. Der Weg den sie dort vorschlagen gibt es natürlich und er hat auch seine Richtigkeit. Insbesondere wenn Firmen alle Marketingaktivitäten von einer externen Werbeagentur erledigen lassen oder wenn die Firma eine eigene Marketingabteilung beschäftigt. Wenn DU aber Soloselbstständige/r bist, dann macht es keinen Sinn mehr.

Denn schon allein der Tipp „Erstelle ein Moodboard, damit der Fotograf ganz genau weiß was zu tun ist und die Bildsprache klar ist!“ ist einfach unpassend. Wenn ich von dir, der du ja Laie bist, ein Moodboard bekomme, dann bin ich in den meisten Fällen genauso verwirrt und unklar wie vor dem Moodboard! Warum? Weil selbst die Erstellung eines Moodboards ein gewisses Fachwissen voraussetzt. Bildsprache hört sich leicht an, ist es aber nicht. Die meisten Menschen nehmen Bildsprache nur unbewusst wahr und dementsprechend ist ihr Umgang damit. Und das ist überhaupt nicht schlimm! In der Regel ist genau DAS der Grund, warum du einen Fotografen aufsuchst.

Wenn du also unzufrieden bist oder dir deine Bilder nicht gefallen, dann ist bereits vorab in der Kommunikation etwas schief gelaufen. Es ist wahrscheinlich ein MISSVERSTÄNDNIS. Und Missverständnissen begegnest du am besten, in dem du in die Kommunikation gehst und „mal nachfragst“ bevor du wetterst bzw. versucht sie Situation zu klären. Indem du dich vorab informierst. Indem du deine eigenen Bilder für wichtig genug nimmst und dir darum Gedanken machst, anstatt einfach willkürliche Anforderungen an willkürliche Personen zu stellen. Nur so kann ein Missverständnis aus dem Weg geräumt werden oder vorab schon verhindert werden, dass überhaupt eins entsteht.

Darum denke bitte generell daran: Wut, Schuldzuweisungen und die Absprache von Kompetenz zerrütten lediglich die Beziehung zueinander. Zu einer Lösung oder besseren Endergebnissen führen sie nie. Lösungen findet, wer kommuniziert!

Beantworte dir diese Fragen, bevor du einen Fotografen buchst!

  1. Zu welchem Zweck brauche ich Fotos?
  2. Wie wünsche ich mir das Ergebnis / Resultat?
  3. Welche konkreten Erwartungen habe ich an die Fotografin?
  4. Bevorzuge ich eine bestimmte Art der Fotografie?
    -> Beispiel: Inszeniert (also gestellte Bilder), Halbinszeniert (grundsätzlich gestellt aber mit mehr Bewegung drin), Spontan (also viel Bewegung, wenig Kontrolle), Dokumentation (Du machst, was du sonst auch immer tust und die Kamera begleitet dich unauffällig und dezent dabei).

Wenn du dir darüber im Klaren bist, ist das bereits ein guter Anfang für ein Gespräch. Jetzt musst du nur noch deine Gesprächspartnerin suchen und finden. 😉

Und jetzt du!

  • Welche Erfahrungen hast du bisher mit Fotografen gemacht?
  • Was war da gut, was war weniger gut?

Lass mir gerne deinen Kommentar / deine Meinung da!
Auf ein wertschätzendes, positives und respektvolles Miteinander, 

Fotografin Natalie Garbotz

<3 Starke Mamas gehen miteinander. <3
#starkemamas #lebeninbildern

3 Kommentare
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  • Carolin4. Juli 2021 - 12:28

    Liebe Natalie,
    toller Beitrag!
    Das Video der Piñatas hat mich eher abgeschreckt, muss ich sagen. Dass ich vorher genau wissen soll, wie die Fotos aussehen sollen und ein Moodboard erstellen soll, sowas hält mich eher davon ab, ein Fotoshooting zu buchen. Denn ich gehe doch zu einem Fotografen, weil ich genau das nicht selbst kann.
    Ich denke, das Problem ist, dass kaum noch jemand bereit ist, einen richtigen Fotografen zu bezahlen, der sein Handwerk versteht. Es sind zu viele Hobbyfotografen unterwegs, die viel weniger Geld nehmen. Und die sind halt oft wirklich inkompetent. Wir haben unsere Hochzeitsfotos und die Babyfotos von einem richtigen Fotostudio machen lassen und auch entsprechend Geld dafür bezahlt. Das hat mich sehr viel Überzeugungskraft bei meinem Mann gekostet. Die Fotos haben aber auch ein anderes Niveau als die von unseren Freunden, die nicht mal die Hälfte bezahlt haben. Für mich war es wirklich toll, dass die Fotografin es sehr gut verstanden hat, uns so zu dirigieren, dass die Fotos hinterher einfach schön ausgesehen haben. Und das hat sogar Spaß gemacht. Von selbst kann ich einfach nicht so fotogen posen, wie mit der Anleitung eines guten Fotografen. Und ich hatte den Eindruck, dass die günstigere Fotografin unserer Freunde das eben nicht so gut gemacht hat.
    Der Abschuss war aber, als vor ein paar Jahren mein Mann gefragt wurde, ob er bei der Erstkommunion die Fotos in der Kirche machen würde, weil der Pfarrer nicht wollte, dass alle Familien fotografieren. Einen Profi wollte er aber auch nicht. Mein Mann kann an einem Fotoapparat den Auslöser bedienen, mehr nicht 🙄. Und meine Kamera macht ganz gute Fotos bei gutem Licht, aber für eine Kirche taugt sie nicht. Ich habe mich also auch geweigert. Es hat dann jemand anderes gemacht, mit einer ähnlich günstigen Spiegelreflexkamera. Von den Fotos war kaum eines scharf. Klar, wie auch. Ich kann sowas wirklich nicht verstehen. Wenn der Pfarrer doch keine Störung seines Gottesdienstes haben will, dann muss er doch gerade einen Profi bestellen, oder?
    Von demher wundert es mich nicht wirklich, dass viele eine solche Meinung von Fotografen haben, wie du es in deinem Beitrag beschreibst. Trotzdem traurig.
    Liebe Grüße,CarolinAntwortenAbbrechen

    • Natalie Garbotz5. Juli 2021 - 10:38

      Liebe Carolin,
      ja, ich kann dich gut verstehen. Und genau das ist auch das Problem. Laut berufsfotografen.com waren bereits 2017 in Deutschland rund 30% aller Fotografen Quereinsteiger/innen. Das ist erst mal nicht schlimm, jedoch ist von außen ganz selten sichtbar, auf welchem Wissensstand sie sind. Du kannst also gnadenlos Pech haben oder richtig Glück. Das ist auch mitunter DAS Problem schlechthin mit diesen Leuten. Mehr als 40% waren auch der Meinung, dass eine Ausbildung zum Fotografen völlig unnötig sei. DAS ist auch ziemlich traurig! Ich sehe zwar durchaus ein, dass die Ausbildung mit einigen Themen nicht mehr hinterher kommt, weil sich die Technik so dermaßen schnell entwickelt – ABER die Ausbildung ist ja auch „nur“ das Fundament und garantiert einen gewissen Wissensstand der dir eine gute Hilfe für alles ist, was danach kommt. Es steht völlig außer Frage, dass du dich selbst weiterbilden musst und das auch sehr regelmäßig.

      Das mit dem Posing ist auch so eine Sache. Ich leite meine Kundinnen immer zum Posing an, weil das schlicht selbstverständlich ist. Meine Kundinnen sind keine Profimodels und ich kann mich da auch nicht daneben stellen und das erwarten. Und gerade wenn es um kirchliche Feste geht (egal ob Taufe, Hochzeit, Kommunion, etc.): Gerade da sollte man seine Technik aus dem FF kennen und wissen, wie man mit dem wenigen Licht umgehen muss. Und ich kenne ehrlich gesagt auch keinen Profi, der einem Pfarrer bei seiner Messe reinredet, unterbricht oder sonstwas macht. Der Sinn einer Reportage ist ja, dass man eben nicht ins Geschehen eingreift, lediglich beobachtet und sich als Person im Hintergrund hält. Sonst wäre es ja keine Reportage / Begleitung mehr.

      Ich bin inzwischen aber auch soweit, dass ich ganz gelassen schmunzeln kann und die Leute ihre Erfahrungen machen lassen kann. Ich sage eigentlich nur noch was, wenn es mich konkret aufregt oder ich auch direkt in Gespräche verwickelt bin und zur Aussage genötigt werde. 😉AntwortenAbbrechen

  • […] kam auch wie erwartet sehr fröhlich aus diesem Termin zurück. Ich fragte ihn, ob der Fotograf denn nett zu ihm gewesen sei. Ja, das war er wohl sehr. Denn mein 4,5 jähriger wiederholte […]AntwortenAbbrechen

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Natalie Garbotz ist Gründerin von Starke Mamas. Als Mama eines fast 5jährigen Sohnes kennt sie die Tücken des Mama seins im Alltag. Daher berichtet sie hier im Blog genau darüber: Ihre Alltagserfahrungen als selbstständige Mama.

 

Natalie arbeitet als Fotografin und ist Expertin für Fotografie, Bildsprache und Selbstporträts. Ihre Erfahrungen in Sachen Fotografie, Bildsprache, Farbe, Branding und Marketing verbloggt Sie daher praxisorientiert und mit viel Spaß.

 

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